Bühnen-Auftritt am 19. Juni 2004: »Die Geschöpfe des Prometheus« Zurück
Wenn man heute dieses Ballett mit der Musik Ludwig van Beethovens aufführen will, kann man sich nur nach den Regieanweisungen richten, die der damals noch junge Komponist zwischen seine Noten gekritzelt hat. Das Original-Libretto mit den Worten, die der Prometheus-Darsteller zu sprechen hat, ging nämlich schon im Jahr der Uraufführung, 1801 in Wien, verloren. Als Irene Rodin, seit 23 Jahren Inhaberin der lokalen Ballettschule und alte Bekannte aus früheren künstlerischen Aktivitäten, auf der Suche nach einem Darsteller für ihr Jahres-Abschlußprojekt in der Langener Stadthalle an Jörg Jahn dachte, schwebte ihr zunächst nur eine männliche Gestalt mit passendem Aussehen für diese Rolle vor.
Die tänzerischen Darbietungen waren mit 80 Personen in 16 Szenen einstudiert, es galt nur noch, den dramatischen Grundkonflikt der Prometheus-Figur in Worte zu setzen, die erklären "Wozu das Ganze?" -- Also ein bißchen Text für die Musik und den Tanz, der natürlich überwiegend von den Damen und jungen Mädchen bis hinunter ins Vorschulalter dargeboten wurde. Mehrmals teilnehmen an den Proben, bei denen Prometheus ins Geschehen einbezogen wird. Eine elektrische Fackel bauen, weil auf der Bühne kein offenes Feuer erlaubt ist. Und die erdachten Verse auswendig lernen, denn bei der Erschaffung der Menschheit gab es noch keine Notizzettel und Lesebrillen.

Regiebesprechung: Irene Rodin, Jörg Jahn, Sarah Rodin
Und dann hinein ins Geschehen, Stadthalle Großer Saal, brechend voll mit Angehörigen und Freunden der Darstellerinnen, Gedränge an der Abendkasse für die letzen Stehplätze. Vorspieltanz "Gaia" von der Erschaffung der Erde, geheimnisvoll im Dunkeln mit Schwarzlicht und Flackerkerzen in den Händen. Dann die Ouvertüre von Beethoven. Vorhang noch zu; Prometheus durch den Spalt. Spotlight:
Prolog
Habe die Erde belebt nach der Götter rühmlichem Auftrag;
Fische ins Wasser gesetzt, Rehe und Hasen ins Gras.
Brachte die Pferde und Ziegen zustande, auch Tiger und Affen;
Kröten im schlammigen Grund, Vögel sogar in der Luft.
Reich gab mein Bruder den Tieren zum Leben die nötigen Gaben
Leer ist nun heute sein Korb: sorgloser Epimetheús!
Menschen sollte ich machen, die über die Tiere erhaben
Wissen erfragen mit Sinn, streben nach Wahrheit und Recht.
Mut ist vergeben dem Löwen, die Schnelligkeit an die Gazelle,
Stärke hat nun der Bär, Klugheit besitzt schon der Fuchs.
Wehe, nach dieser Verschwendung, wie soll ich den höheren Wesen
Leben spenden und Kraft? Gott bin ich nicht, nur Titan.

Habe aus Lehm sie geknetet, Gestalten mit Händen und Füßen,
Köpfen mit Augen und Stirn, Nase und Ohren und Mund.
Stumm blieben sie ganz geduldig, so kalt und so starr wie die Erde.
War denn dies Werk ohne Wert? Werde ich wirklich schon alt?
Zornig entsprang diesem Herzen der Plan eines heiligen Diebstahls:
Feuer mußte es sein, das den Geschöpfen noch fehlt.
Nicht einfach irgend ein Feuer, das brennt wo man kocht oder brutzelt,
Göttlich mußte es sein, Glut von dem Berge Olymp.
Auch wenn die Götter besoffen im endlos begang'nen Gelage,
wird so ein Diebstahl bemerkt: Zeus schleudert Donner und Blitz.
Prometheus ab; Donner vom Tonband. --- Vorhang auf --- Dunkel, Prometheus eilt über die Szene, holt seine Fackel. (Allegro non troppo, Donner in der Musik), feuertanzende Gruppe hinten links; zwei Gestalten stehen reglos auf Podesten. Prometheus kommt von hinten rechts, wartet den Feuertanz ab.

Prometheus hält die Fackel in die Tanzgruppe, sie flammt auf

Gleichwohl nun steh ich am Anfang und weiß keine bessere Lösung.
Fackel, so nimm dieses Licht! Wecke der Wartenden Herz.
Prometheus geht zu den Gestalten und
berührt sie mit der Flamme. Die Berührten schrecken auf, greifen sich ans Herz, reißen die Augen auf und bewegen sich zunächst auf den Podesten. Nach der ersten Tanzszene kommen sie von den Podesten herunter und stolpern. Sie torkeln unbeholfen umher und werden von Prometheus festgehalten. — In der Pantomime versucht er vergeblich, ihnen das Laufen beizubringen, wird wütend, will sie verprügeln und zerstören, bekommt dabei aber einen Geistesblitz: Apollo und die Musen auf dem Parnass sollen helfen. Er fängt seine Geschöpfe ein und schleppt sie seitlich hinaus (Vorhang zu, Umbau). — Zweites Bild, Vorhang auf: Parnass, Apollotempel. Prometheus kommt keuchend mit den Geschöpfen unter beiden Armen herein und spricht den überraschten Apollo an.
Vorsprache bei Apollo
Siehe, du großer Apollon, fast wäre mein Werk schon gescheitert:
Menschen hab ich geformt, doch sie verstehen mich nicht.
Allzu groß war die Not. Überhaupt sie zum Laufen zu bringen,
schlich ich mich hin zum Olymp, stahl dort die heilige Glut.
Hielt meine Fackel den beiden ans Herz, und siehe, sie regten
Glieder, Hände und Kopf, doch sie erkannten mich nicht.

Du, der du Sohn bist des Zeus, Gebieter der ehrbaren Musen,
gib ihnen, was ihnen fehlt: Sprache mit Geist und Gefühl.
Bringe die göttliche Glut, die in ihnen ist, zum Entflammen!
Mache sie traurig und froh, sterblich, doch ewig geliebt.
Apollo ruft Euterpe herbei, die Muse der Musik. Arion, Pan und Orpheus musizieren; am Tanz der Geschöpfe ist zu erkennen, daß sie Empfindungen bekommen. — Im Verlauf der Szene erkennen sie Prometheus als ihren Vater und umarmen ihn. — Terpsichore, die drei Grazien und Bacchus mit seinem Gefolge treten auf. Zuletzt erklingt ein kämpferischer Marsch; die Geschöpfe können dem Sog des Ruhmes nicht widerstehen und versuchen, sich in den Tanz zu mischen. — Melpomene, die Muse der Tragödie, tritt dazwischen. Sie zeigt, daß das Leben vom Tode bedroht ist und sticht Prometheus mit einem Dolch nieder. Die Geschöpfe werfen sich trauernd auf ihn. Durch Aufsetzen der Masken zeigt Pan den Erschreckten jedoch, daß es nur ein Spiel war; Prometheus steht wieder auf. (Leider sind die Photos dieser Szenen aus Lichtmangel derart undeutlich, daß hier keine Wiedergabe möglich ist). — Die Musik im Finale vereint alle Darsteller in festlichen Tänzen zur Hochzeit des Paares, dem das Menschengeschlecht entstammt.
Schlußszene
Möge die Liebe unsterblich in Euch, ihr Sterblichen, bleiben.
Sie ist die treibende Kraft, selbst wenn ihr alles verliert.
Ihr seid die ersten, die Kinder geduldig zu Menschen erziehen.
Gebt ihnen all euren Mut, werdet von ihnen geliebt.
Lehrt sie, einander zu grüßen, zu helfen und nicht zu verletzen;
jederzeit Gott zu vertraun, Ehrfurcht vor allem, was lebt.

Prometheus segnet seine Geschöpfe als verlobtes Paar

Prometheus bekommt den Lorbeerkranz zurück,
den er am Ende der ersten Szene wütend zu Boden geworfen hatte.
Dann tritt er einige Schritte nach vorn. Zum Publikum:
Epilog
Ich aber werde die Strafe für Diebstahl des Feuers verbüßen;
gehe alsbald ins Gebirg, werde in Ketten gelegt.
Immer am Tag wird ein Adler mir hungrig die Leber entreißen,
Schreien muß ich vor Schmerz; jede Nacht wächst sie mir nach.
Ihr nur allein, o ihr Sterblichen, könnt mir die Strafe verkürzen,
wenn ihr die Götter verehrt, betet für Gnade und Recht.
Herakles wird mich dereinst von den Qualen und Ketten befreien:
wachst ihr den Göttern ans Herz, wird mir mein Frevel verziehn.
Prometheus tritt zurück auf das Tempelplateau zu den Göttern. Mit dem Erlöschen der Fackel erstarren alle Figuren im Hintergrund zu Statuen (danach folgt: Ausklangsspiel der Arachne-Tanzgruppe).
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